Alle Beiträge von Michael Wittmann

Der Mythos vom Talent

Wer zeichnen lernen möchte und beharrlich zeichnet, wird auch Fortschritte machen. Leider sind viele merkwürdige Glaubenssätze über das Zeichnen und andere künstlerische Fertigkeiten weit verbreitet. Da geht es dann um Talent und Begabung, der Geniekult ist nicht fern, und wer kein Talent hat, hat eben Pech gehabt. Tatsächlich ist das Glaubensmuster, das mit dem Begriff „Talent“ assoziiert wird, absolut unproduktiv, wenn es darum geht, eine Fertigkeit wie das Zeichnen zu erlernen. Darum lassen wir in meinen Kursen dieses Konzept aus dem Spiel und ersetzen es durch den Glaubenssatz: Alle Fertigkeiten, die ein Mensch beherrscht, kann jeder andere Mensch lernen. Also: Jeder kann zeichnen lernen! Auf der Grundlage dieses Modells habe ich schon hunderte Kursteilnehmer dabei unterstützt, zeichnen zu lernen, Comics und Cartoons zu entwickeln, Karikaturen zu zeichnen und mehr.
Jeder Mensch in unserem Kulturkreis bringt die Grundvoraussetzungen zum Zeichen mit: Wir können Linien und Kurven zu wieder erkennbaren Zeichen zusammenzusetzen, das haben wir gelernt, als wir schreiben lernten!
Zeichnen ist ein Bündel unterschiedlicher Fähigkeiten, von denen jede trainiert und erlernt werden kann.
Die Annahme „Ich kann nicht zeichnen.“ generalisiert zu Unrecht die Tatsache, dass die komplexeren Fähigkeiten noch nicht ausreichend gefördert worden sind und verkennt andererseits den Umstand, dass grundlegende Fähigkeiten zum Zeichnen immer vorhanden sind.

Ein neuartiger Workshop

von der Skizze zum Cartoon

von der Skizze zum Cartoon

Es war im Frühjahr 2015: Ein Interessent schrieb mich auf Facebook an. Er interessierte sich für einen Zeichenkurs: Gewisse zeichnerische Fähigkeiten sind vorhanden, nun galt es aber, ein konkretes Projekt bestmöglich umzusetzen und dazu brauchte er meine Unterstützung. Und der Kurs sollte nicht länger als ein Wochenende dauern.
Da es ihm nicht darum ging, Geschichten mit Bildern zu erzählen, kamen Comic- und Mangakurs nicht in Frage. Andererseits schien die grafische Klarheit typischer Comic- oder Mangastile erstrebenswert.
Der Zeichenkurs im Sommer wirkte mit fünf Tagen etwas zu lang. Also begann ich, mir ein neues Kursformat auszudenken.
Konkret ging es dem Interessenten um das Design von Verpackungen. Noch im Dialog nahm der Kurs in meinem Kopf Gestalt an und ich wusste, dass der Wochenendworkshop für die Verwirklichung einer Vielzahl von grafischen Projekten geeignet sein würde.
Es geht um Design, Typografie, die Gestaltungsmittel der Zeichnung und darum, wie die Botschaft eines Bildes optimal rüberkommt.
Der neue Workshop „Mein Bild- meine Botschaft“ wird am 1.-3. Juli 2016 zum zweiten Mal stattfinden. Er ist mein Angebot für alle, die ein zeichnerisches Projekt an einem Wochenende entwickeln und verwirklichen wollen. Beim ersten Mal im Jahr 2015 haben KursteilnehmerInnen Weinetiketten entworfen, Illustrationen gezeichnet und Logos designt. Doch der Kurs eignet sich auch für viele andere Aufgaben zeichnerischer Art. Wenn Du also Dein eigenes Profilbild für Social Media entwerfen und zeichnen willst, eine eigene Gruß- und Glückwunschkarte gestaltenn, Illustrationen, Ein-Bild-Cartoons, Ankündigungen, Werbung, Titelbilder etc. machen möchtest, dann ist das der Workshop für Dich. Details und Anmeldemöglichkeit hier.

Aktmalerei bei Stefan Nützel

NützelAnfang Juni habe ich – nach jahrelanger Übung im Aktzeichnen – erstmals einen Wochenendworkshop zur Aktmalerei besucht. Der Workshop wurde von Stefan Nützel geleitet, einem aus Bayreuth stammenden und seit vielen Jahren in Wien lebenden Maler, der vor allem figurative Ölbilder malt und in Wien, München und anderswo unterrichtet.
Vorab war ich gespannt darauf, wie er den Workshop und die vielen Teilaspekte der Aktmalerei strukturieren würde, um für die Teilnehmer ein sinnvolles Ergebnis an einem Wochenende zu ermöglichen. Mit Konzentration aufs Wesentliche ist das sehr gut gelungen: Komposition war nur ein Randthema, Anatomie wurde ausgespart, Farblehre und Farbmischung durch Beschränkung auf drei Grundfarben (plus weiß) minimiert. Dafür leitete Stefan die TeilnehmerInnen dazu an, sich auf Form und Tonwerte zu konzentrieren. In einigen kurzen Posen ging es darum, die Figur vom Hintergrund zu trennen. In den folgenden längeren Posen und nach einer kurzen Lektion im Farbmischen lag der Fokus darauf, die hellen von den dunklen Bereichen zu trennen. Damit war eine Struktur vorgegeben, wie man in relativ kurzer Zeit ein Aktbild anlegen kann. Je nachdem, wie lange das Modell die Pose hält, kann man die verbleibende Zeit zur Feinjustierung der Farben nutzen.
Die Ausstattung des Ateliers mit einem Podest und mehreren justierbaren Lichtquellen und die großartigen Modelle ermöglichten ansprechende Motive. Obwohl ich die meiste Zeit als einziger Teilnehmer in Acryl malte (die anderen TeilnehmerInnen arbeiteten mit Ölfarben), gab Stefan auch Tipps zur Acrylmalerei, die mich in der nächsten Zeit noch sehr beschäftigen werden.
Kurzum: Ich habe viele Anregungen für meine Malerei gewonnen und kann die Aktkurse von Stefan Nützel nur sehr empfehlen. Termine und Anmeldung auf Stefans Website.

Comics sind Kunst!

Zu Beginn des Internationalen Literaturfestivals Berlin haben zahlreiche Künstler, Verleger und Kulturveranstalter am Montag ein Comic-Manifest veröffentlicht. Darin fordern sie, dass das Comic-Medium als eingenständige, der Literatur und dem Film gleichwertige Kunstform anerkannt wird, Comicschaffende dementsprechend staatlich gefördert werden und ein Deutsches Comicinstitut eingerichtet wird. Das Börsenblatt und der Tagesspiegel berichteten darüber. Hier der Originaltext des Manifests: ilb13.ComicManifest
Dass dieses Manifest überhaupt nötig ist, weist auf das ungeheure Versagen der Kulturpolitik hin, die nach wie vor zwischen „guten“ (=förderungswürdigen) und „schlechten“ Kuunstformen unterscheidet.

Skull Party 1 von Melanie Schober

Titelbild von Skull Party 1
Cover ©2013 by Carlsen Verlag/ Melanie Schober
Die österreichische Mangazeichnerin Melanie Schober zeichnet in ihrem neusten Werk Skull Party das düstere Bild einer nahen Zukunft: Die Gier vorangegangener Generationen hat den Planeten zerstört, die Umwelt ist verpestet, die Polkappen abgeschmolzen und in den überfluteten Städten herrscht eine Oligarchie, die kein abweichendes Verhalten duldet und die Bürger mit Drogen und leichter Unterhaltung ruhigstellt.
Aus diesem Leben im dumpfen Gleichklang will der Teenager Emil Schwarz ausbrechen, er bleibt dem Erziehungsinstitut fern, und wird bald von Killern gejagt, als er auf ein Geheimnis stößt, das den Bestand der Diktatur gefährden könnte.
In Skull Party 1 beginnt eine Geschichte, die für ein etwas älteres Publikum bestimmt ist als der Großteil der in Deutschland publizierten Manga. Es ist ein Thriller, der sich an ältere Jugendliche und Erwachsene richtet und den Vergleich mit anderen „erwachsenen“ Manga-Thrillern wie Osamu Tezukas Kirihito oder Urasawa Naokis Monster nicht scheuen muss. Auch das Erscheinungsbild des Bandes setzt sich klar von üblichen Mangaproduktionen ab: Das Titelbild ist auf den ersten Blick nicht als Mangatitelbild erkennbar, könnte ebenso gut für einen Kriminal- oder Horrorroman bestimmt sein. Und anders als die meisten Manga ist Skull Party in westlicher Leserichtung gezeichnet, was mit der Leserichtung der deutschen Sprache in den Textblöcken übereinstimmt und den Lesegewohnheiten eines etwas älteren Publikums entgegenkommt.
Die Geschichte hat mich geradezu reingesogen, da sich die Erzählung ganz auf die Hauptfigur konzentriert – mit wenigen Ausnahmen erleben wir die ganze Handlung aus der Sicht von Emil Schwarz. Er und auch die Nebenfiguren werden sehr fein durch ihre Handlungen und Aussagen charakterisiert, so dass man gleich ein Gefühl für sie bekommt, als würde man sie ewig kennen. Zudem geht die Prämisse dieser Zukunftswelt von Tendenzen aus, die in unserer Gegenwart zu beobachten sind, vor allem dass Außenseitertum als Krankheit definiert und folglich pharmakologisch behandelt wird (man denke nur an den jährlich steigenden Ritalinverbrauch). Man hat als Leser das Gefühl, wenn wir es nicht bald auf die Reihe kriegen, könnte die nahe Zukunft tatsächlich so ähnlich aussehen, und kaum hat man diese Zukunftswelt als glaubhaft akzeptiert, nimmt man auch mutierte Insekten und Zombiehorror mit, da die phantastischen Elemente so raffiniert in die wahrscheinlichen eingebettet sind.
Hier beginnt ein spannender Thriller, und niemand legt einen spannenden Thriller nach dem ersten Viertel gern aus der Hand, aber die Leser müssen das jetzt mal die nächsten Monate tun, denn der zweite Band soll im Dezember erscheinen und die ganze (erste) Geschichte ist auf vier Bände angelegt. Da bleibt am Ende des ersten Bandes einiges offen, zumal die Handlung an einem Spannungshöhepunkt abbricht, und man ist gespannt, wie sich das weiter entfalten soll, was es mit den geheimnisvollen Kristallschädeln und einer mysteriösen Gestalt mit Vogelmaske auf sich hat, die in Emils Träumen erscheint. Fazit: Anspruchsvolle Manga-Unterhaltung mit Tiefgang und Spannung pur.

Gigi, Forest und Steranko zeichnen ein Gemeinschaftsbild


Robert Gigi, Zeichner von Scarlet Dream, Jean-Claude Forest, der Schöpfer, Autor und Zeichner von Barbarella und der Amerikaner Jim Steranko (Nick Fury, Captain America) – Anfang der 70er Jahre im französischen Fernsehen. Zusammen zeichnen sie auf einem großen Papier – es entsteht ein seltsames, phantastisches Bild. Die Handschrift jedes einzelnen Künstlers bleibt klar erkennbar, trotzdem bildet sich ein harmonisches Ganzes. Es erinnert mich an das surrealistische Verfahren Cadavre Exquis. Schade, dass sich dieses Sendungsformat nicht durchgesetzt hat!

programmatischer Text

zur Veröffentlichung einiger ausgewählter Science-Fiction-Illustrationen auf der englischsprachigen Seite evatronica.com:
Illustrating science fiction and fantasy stories allows me to give substance to one of my favourite subjects: the fantastic. To show something that previously has never been seen, that does not exist in the so-called reality, but could be imagined. A picture makes it easier to imagine. In this sense, my illustrations are windows to fantastic worlds, or rather doors for the fantastic to enter.

Runch! in Wien

Wer den Comicshop Runch! in der Kaiserstrasse 5 betritt, findet sich in einem Wunderland populärkultureller Sammelgebiete wieder, das weit über den Comic- und Mangabereich hinausgeht. Figuren und Fanartikel zu Filmen, Fernsehserien und Videospielen und ein umfassendes Angebot an amerikanischen Comics und Manga werden hier in einer Dichte und Üppigkeit dargeboten, dass sensible  Naturen schon mal die Platzangst kriegen könnten.

Suchbild: Finde die Verkäuferin!

Suchbild: Finde die Verkäuferin!

Bart Simpson hängt in Lebensgröße von der Decke, die Hauptcharaktere der Star-Wars-Saga stehen in mehreren Versionen bereit, Super Mario und den Elf Link aus Zelda gibts als Plüschfiguren, fast jeder amerikanische Superheld hängt als originalverpackte Actionfigur in den Displays. Doch halt! In diesem Comicshop gibts tatsächlich auch Comics!

Von den US-Comics gibts Graphic Novels und Paperbacks in den amerikanischen Originalausgaben, und zwar nicht nur die gängigen Serien der Großverlage sondern auch jede Menge Independent, Underground und Horror-Comics bis hin zu den obskursten Nischenprodukten sowie natürlich die aktuellen deutschen Übersetzungen. (Comichefte sieht man nur wenige, aber wer liest eigentlich noch Hefte?) Manga liegen auf deutsch und englisch vor, dazu gibts direkt importierte Artbooks aus den USA und Japan und eine ordentliche Auswahl an Anime-DVDs. How-to-draw-Manga-Bücher auf englich und deutsch füllen ein komplettes Regal in Bodennähe.

Das How-to-draw-Manga-Regal

Das How-to-draw-Manga-Regal

Das alles kann man nicht nur in der Kaiserstrasse kaufen sondern auch online, über die Website www.runchcomics.at. Dort stehen auch die Öffnungszeiten und mehr (und bessere ;-)) Fotos als hier.

Der Runch! ist eine Fundgrube für Kenner, Sammler und Fans, die durch das Überangebot an Figuren und Merchandising-Ware ihr eigenes Flair und eine gewisse klaustrophobe Atmosphäre hat. Hier kann ich stundenlang auf Entdeckungsreisen gehen und wenn  ich das Gesuchte nicht gleich finde, werde ich vom Verkaufspersonal – meistens ist das Nina – freundlich und kompetent beraten. Nina bezeichnet den Shop übrigens als „eine Explosion der Absonderlichkeiten“ und das finde ich sehr treffend.

„Manga Zeichenkurs“ von Toriyama und Sakuma

Akira Toriyama, Schöpfer der Manga-Serien Dragonball und Dr. Slump,hat ein Manga über das Manga-Zeichnen gemacht! Als Beispiele dienen die Figuren aus Dr. Slump, und genau wie diese Comedy-Serie ist auch Manga Zeichenkurs stellenweise zum Brüllen komisch, wenn Toriyama in Gestalt einer vermummten Mangafigur erklärt, worauf es beim Manga-Zeichnen ankommt: Auf gut konstruierte Figuren und eine gut geplante Geschichte. Die Figuren sollen kontrastreich angelegt sein, jeweils eigene Lieblingsphrasen und vor allem Schwachpunkte haben, denn perfekte Figuren sind langweilig. Toriyama erklärt kurz, präzise und humorvoll, wie man mit den Zeichenwerkzeugen umgeht,  (das sind vor allem Bleistift und Feder, das Buch wurde 1984 geschrieben, daher geht es ausschließlich um traditionelle Zeichentechniken ohne Computer) und gibt Tipps zu Format, Seiteneinteilung und Perspektive. Abschließend zeigt er eine Reihe von Manga-Seiten von Anfängern, demonstriert typische Anfänger-Fehler und erklärt, wie man sie vermeidet.


Dieses Buch kann ich angehenden Manga-ZeichnerInnen uneingeschränkt empfehlen, vor allem dann, wenn sie Cartoon-Manga, also lustige Geschichten machen wollen.